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Keine zweite Chance

Keine zweite Chance

Der Regen durchnässte ihr Haar. Tropfen bahnten sich ihren Weg in Richtung Lippen und vermischten sich mit ihren Tränen. Trauer nahm ihr den Atem.
Sie wollte schreien, bekam jedoch keinen einzigen Ton heraus. Sie verlor den Halt, fiel auf ihre Knie, die sich in den nassen, aufgeweichten Boden drückten. Sie beugte sich nach vorne und griff in die Erde. Schluchzend, vor Luft ringend ergossen sich ihre Tränen.
Verloren in ihrer Einsamkeit, bohrte sich der Schmerz tief in ihre Brust, als wolle ihr das Herz zerspringen.
Sie vermisste ihn. Sein Lachen, seine zärtlichen Berührungen, die unendliche Vertrautheit.
Die Art wie er sie in den Arm nahm, wie sie eng umschlungen tanzten. Die Grimassen, die er zog, wenn sie keiner beobachtete.
Sie hatten doch noch so viele Ziele und Wünsche, wollten noch so viel erleben. Aber das Schicksal meinte es anders. Es hatte andere Pläne und nahm auf sie keine Rücksicht.
Mit großer Anstrengung gelang es ihr sich aufzurichten. Sie schaute auf die Inschrift des Grabsteins und setzte sich, wie in Trance, in Bewegung. Schritt für Schritt, ein Fuß vor den anderen, versunken in schmerzlichen Erinnerungen.
Spät am Abend kam sie bei sich zu Hause an. An den Heimweg konnte sie sich nicht mehr erinnern.
Sie stand vor der Tür, an der immer noch ihre Namen in großen Buchstaben zu lesen waren. Sie steckte den Schlüssel in das Schloß, drehte ihn um und öffnete die Tür. Durchnässt bis auf die Haut, ging sie hindurch.
Durch den Flur, vorbei an Fotos ihrer gemeinsamen Vergangenheit, setzte sie sich an das Fenster. Sie schaute auf die sich im Wind wiegenden Bäume.
Die Regentropfen klopften gegen die Fensterscheibe und liefen langsam und sich verzweigend das Glas herunter. Sie drehte ihren Kopf und sah zum Tisch herüber. Sie traute ihren Augen nicht. Dort saß er, als wenn nichts geschehen wäre. Er hob seinen Kopf, schaute sie an und lächelte.
Im nächsten Augenblick, war der Platz, auf dem er eben noch gesessen hatte, leer.
Sie sprang auf, sah wie sein Schatten in der Küche verschwand. Sie lief ihm hinterher. Sie stoppte und es verschlug ihr den Atem. Er stand an dem Herd, an dem sie immer zusammen gekocht hatten. Er drehte sich zur ihr und öffnete die Arme. Sie wollte ihn umarmen, öffnete ihre Arme. In diesem Augenblick merkte sie, dass sie ganz alleine in der Küche stand.
Es waren Einbildungen, Sinnestäuschungen und doch wünschte sie sich so sehr deren Realität.
Hätte sie doch nur nicht so oft gezögert, …die gemeinsamen Träume real werden lassen.
Nun war der letzte Tanz getanzt, der letzte Kuss gegeben. Aber nicht die letzte Träne geweint.

15.03.2010