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Posted by Juergen Ladrick on

Der letzte Moment

Er öffnete seine Augen. Er konnte nichts sehen, alles um ihn herum war dunkel. Er versuchte die letzten Erinnerungen zusammenzukramen. Das Einzige, an das er sich erinnern konnte, waren helle Scheinwerfer. Ansonsten keinerlei Erinnerungen. Was er vorher getan, vorher gedacht oder gesagt hatte. Alles war ausgelöscht, nur gähnende Leere.

Erst jetzt bemerkte er, dass es so dunkel war, wie das schwärzeste Schwarz. Kein Lichtschein, kein Mond oder Sterne funkelten. Noch nie hatte er so eine Schwärze gesehen, geschweige denn gefühlt. Als wenn dies nicht schon merkwürdig genug gewesen wäre, so hörte er auch keinerlei Geräusche. Kein Rauschen des Windes, kein Summen der Insekten oder ein einziger Klang der Welt.

Nichts, nicht einmal irgendetwas riechen konnte er. Träumte er, wo war er, wie kam er hier her und was sollte er hier?

Er tastet um sich herum und fühlte den Boden auf dem er saß. Zu seiner Überraschung war der Boden angenehm warm. Er versuchte sich aufzurichten. Schwankend, erst das linke, dann das rechte Bein. Einen Fuß vor den anderen setzend, tastete er sich vorwärts. Nachdem er sich so einige Meter fortbewegt hatte, blieb er plötzlich stehen. Er holte tief Luft und schrie „Hallo, kann mich irgend jemand hören“ Die Worte verstummten genauso schnell, wie er sie gesagt wurden. Er lauschte in die Dunkelheit. Keine Antwort, nicht ein Ton. Er ging vorwärts, Meter für Meter. Kein Widerstand am Boden, kein Steinchen oder Stöckchen war zu fühlen. Plötzlich hatte sein rechter Fuß keinen Boden mehr. Ehe er sich versah und irgendetwas dagegen tun konnte, fiel er. Sich um seine eigene Achse drehend, im freien Fall, stürzte er dem Nichts entgegen. Er versuchte mit seinen Armen rudernd, seine Lage zu kontrollieren. Er hörte seinen Herzschlag, Komischerweise fühlte er keine Panik, nur unendliche Ruhe. War das jetzt der Augenblick, …der eine? Sollten dies die letzten Sekunden seines Lebens sein?“

Wenn ja, wo waren die Bilder, der Film, der an einem vorbei zog. Wie es so viele erzählten, die den Nahtod erfahren hatten. Nichts. Er sah nichts! Kein einziges Bild, kein Funken Erinnerung seines früheren Lebens. Er fiel, dachte an nichts, als an die Wärme und Freiheit. Er hatte keine Angst oder Sorgen. Er war glücklich, glücklicher als je zuvor in seinem Leben.

Ein dumpfes Knacken ertönte kurz und heftig. Der Arzt schaltete das Beatmungsgerät ab. In einer langsamen Bewegung hob sich sein Brustkorb, ein letztes Mal.

Ihr liefen die Tränen über die Wangen. Er lag da, so vollkommen zufrieden. Erst jetzt umhüllte sie die Einsamkeit. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass es keine Zweisamkeit mehr gab. Alles was sie ab jetzt tun würde, würde sie allein und ohne ihn tun. Tiefe Trauer und Hilflosigkeit durchzogen ihren Körper. Sie beugte sich über sein Gesicht, in welches Sie nun ein letztes Mal schauen würde. Dieses Gesicht, welches sie so oft zum Lachen brachte.

Sie küsste Ihn, so intensiv, so zärtlich wie sie es nie zuvor tat. „Ich werde dich immer lieben“ sagte sie, stand auf und ging.

13.01.07